Der Wasserzug Zahedan (Iran) nach Pakistan. (1)


Unsere 1638 km lange Anhalterreise von Teheran nach Zahedan durch die grosse Salzwüste dauerte etwa 2 Wochen, so genau kann ich mich nicht erinnern. Zahedan, die Hauptstadt der Provinzen Sistan und Belutschistan, war ein armseliger Ort. Er zählte damals etwa 6’000-8’000 Einwohner, wobei diese Schätzung infolge der orientalischen Bauweise und der fehlenden Infrastrukturen recht schwierig war.

Wahrscheinlich war die Stadt auch eine Schmugglerhochburg, die für den Weitertransport des Opiums von Pakistan nach Iran und weiter nach Europa zuständig war. Wir, das war mein Reisekumpel Jean und ich, schliefen im Bahnhofgebäude, das sich ausserhalb der Stadt in der Wüste befand und noch mit einigen Gleis-anlagen versehen war.

Wir fanden beim Chef der Railways heraus, dass es noch einen sogenannten Wasserzug gab, der einmal in der Woche jeweils am Montag-oder Dienstagmorgen bis zur Grenze und sogar noch weiter bis Nok Kundi in Pakistan fuhr. Billette konnte man keine kaufen, da es keinen offiziellen Personenverkehr mehr gab.

Diese Strecke, früher Bestandteil des Bahnnetzes des indischen Subkontinentes, war bereits stillgelegt. Wir mussten also auf die Zugsabfahrt nächste Woche warten. Welche Bewandtnis es mit diesem Wasserzug hatte, fanden wir nie heraus.

Jeden Tag besuchten Einheimische das weitläufige Bahngelände und sammelten Kohlenstücke ein, die überall auf dem Gelände lagen und vom jeweiligen Auffüllen des Tenders der Dampflokomotive anfielen. Wahrscheinlich wurde die Kohle zum Kochen oder Heizen verwendet.

Am Abreisetag wurde den rostigen, leeren Zisternenwagen eine alte Dampflokomotive samt Versorgungswagen, der vorher fahrbereit gemacht wurde, vorgespannt.

Jean und ich vorne auf der Dampflok.

Jean u Aettli Lok WaZug

Gegen Mittag installierten wir uns auf einem Zisternenwagen. Auf zwei weiteren Waggons hatten sich Pakistanis mit Sack und Pack, Familien und Fahrrädern niedergelassen.

Wasserzug 1-50

Fotos Ernst Blumenstein. Aus Dias eingescannt.

Es brauchte Mut, diese Schwarzfahrt auf dem Waggon anzutreten und wir hatten während der Reise ein  mulmiges Gefühl. Der Zug fuhr nur etwa 20 km pro Stunde. Wir überstanden dieses Wagnis und kamen nach etwa 5 Stunden Fahrt heil an der Grenze im Niemandsland der Wüste Belutschistan an. Die Grenze lag in der Nähe von Kuh i Taftan. Der Name stammt von einem etwa 4000 m hohen Vulkanberg in Ostiran.

1965

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18 Antworten zu Der Wasserzug Zahedan (Iran) nach Pakistan. (1)

  1. ute42 schreibt:

    Das war ja wirklich eine abenteuerliche Reise.

    • ernstblumenstein schreibt:

      Dies ist der erste Bericht von einer grossen und langen Reise auf dem Schiff-und Landweg nach Nepal und zurück. Ich schreibe erst jetzt nach 46 Jahren über diese Reise, wobei ich noch viele Dias einscannen muss, die meiner Erinnerung etwas nachhelfen. Ich hoffe, dass weitere Berichte folgen. Grüsse Ernst

      • Günter Reitmeier schreibt:

        Sehr interessant. Ich fuhr 1960 die Strecke Dalbandin – Zahedan.mit dem Wasserzug.
        Wenn man im Google eingibt “ Belutschistan Dalbandin Wasserzug“ kommt mein Bericht.
        Liebe Grüße, Günter Reitmeier
        PS: Auf der Reise nach Indien war die Grenze wegen Cholera gesperrt, so fuhr ich über Dubai nach Karachi. Meine reise dauerte 5 Monate und ich musste mit ATS 1.500,– auskommen. Allerdings hatte ich Freunde in Istanbul, Teheran und Kerman.

      • Günter Reitmeier schreibt:

        Am 30.10. 2008 gab es ein Erdbeben in Pakistan, Belutschistan. Ich sah in meinem Tagebuch nach, wann ich dort war. Auch am 30.10. allerdings 1960. Damals war die persische Grenze wegen Cholera in Belutschistan gesperrt, sodass ich über Dubai nach Pakistan kam. Auf der Heimreise versuchte ich es etwas waghalsig mit der Bahn. Nehme diesen “Zufall” als Anlass, Euch eine Seite von meinem Reisebericht zu senden. Wenn Ihr Zeit habt könnt Ihr ihn lesen, ansonsten ist er mit einem Klick im Papierkorb.

        Dalbandin, 30.10.1960

        Die Sonne, die untertags die Landschaft in einen Feuerofen verwandelt hat und den letzten Wasservorrat dieser steinigen Ebene zum Himmel hat aufsteigen lassen, geht nun wie ein roter Feuerball im Westen unter. Die Erde beginnt jetzt wieder zu atmen. Menschen und Tiere erwarten mit Sehsucht die erquickende und von der Hitze befreiende Nacht. Gott hat Erbarmen mit der Natur und verbannt diesen sonst so geliebten, lebensspendenden Himmelskörper auf die ander Seite der Erdkugel. In der steinigen Ebene erkennt man ein aus Lehmhütten gebautes Dorf, das mit seinen verstreuten Häusern wie eine Oase in dieser Einöde wirkt, obwohl man fast nichts Grünes erblickt, was auf einen Pflanzenwuchs schließen lässt, den man in anderen Oasen anzutreffen gewohnt ist.

        Die Steinwüste, in der wir uns befinden, hat keinen Platz für derlei Schattenspender. Das Dorf hat sich nicht um einen Brunnen gebildet, sondern verdankt seine Existenz dem Schienenstrang. Auf ihm kommt wöchentlich ein Wasserzug, der das köstliche Nass von weither bringt. Zisternen sollen es dann eine ganze Woche lang möglichst frisch halten. Gestern war ein Zug von Quetta gekommen und brachte Soldaten mit. Sie sollen diese versteinerte Erdkruste vor feindlichen Grenzüberschreitungen sichern. Afganistan beansprucht nämlich diese Land für sich, doch Pakistan macht alle Anstrengungen, es weiter zu besitzen.

        Dieser Erdenfleck ist ein Teil Belutschistans, der anscheinend seine Ansprüche auf Vegitationbei der Erschaffung der Erde nicht geltend gemacht hat. Vielleicht aber wollte Gott diesen kleinen Teil der Erde in seinem Urzustand, öd und leer, belassen, um dadurch den Menschen das Wunder seiner Schöpfung besser vor Augen zu führen.. Kein Mensch hätte wohl das Verlangen gehabt, sich hier anzusiedeln, wenn nicht die Regierung aus politischen Gründen darauf Wert gelegt hätte. Dieses kleine Volk hat dieselben Aufgaben zu erfüllen, wie einst die Kosaken im zaristischen Russland. Deshalb trägt der Belutsche meistens ein Gewehr bei sich und sieht, bedingt duch seine für uns Europäer ungewohnte Haartracht, etwas unheimlich und furchterregend aus.

        Verlassen, scheinbar vom Soldatenzug vergessen, der inzwischen wieder nach Quetta zurückgefahren ist, steht ein Waggon auf einem Abstellgeleise ausserhalb des Dorfes. Ein zeitweises Aufleuchten eines Lichtes im Inneren des Waggons verrät jedoch, dass er nicht leer dasteht. Zwei deutsche Weltenbummler und ich sind eben dabei, die Schlafsäcke für die Nacht auszubreiten. Wir sprechen besonders laut, um diese unheimliche Stille, ein besonderes Merkmal der vorher beschriebenen Landschaft, ertragen zu können.

        Auch die Menschen, die wir, wenn sie sich überhaupt aus ihren Höhlen wagten, untertags trafen, haben die Ausdruckslosigkeit ihrer Umgebung angenommen. Nur am Schatten, welchen die Gestalten werfen, kann man erkennen, dass es keine Gespenster sondern Menschen sind.

        Während sich meine zwei Gefährten zur Ruhe begeben, verlasse ich den Waggon und stehe unter einem Sternenhimmel, der in seiner Pracht einzigartig ist. Der Mond, der hier wie in allenWüstengebieten größer ist als anderswo, hat die Landschaft in ein silbernes Licht getaucht und ihr eine Schönheit verliehen, die mich die Trostlosigkeit unter der sengenden Hitze der Sonne vergessen lässt. Dieser wunderbare Anblick macht mir bewusst, dass die Nacht, mit ihren tausend funkelnden Sternen, gleichsam die Trösterin dieser untertags so hässlichen Landschaft ist.

  2. minibares schreibt:

    Hallo Ernst,
    das liest sich ja mehr als spannend.
    Wann war das? Darf ich das fragen?
    Ein super Bericht. Gefällt mir sehr gut.
    Denn in solch eine Gegend werde ich wohl nie kommen.

    • ernstblumenstein schreibt:

      Hallo
      Das war mein erster Reisebericht von meiner kleinen Weltreise von Israel über Istanbul-Erzurum-Teheran-Lahore-Karachi-New Delhi-Kathmandu und zurück über Afghanistan-Kuwait-Irak-Syrien wieder nach Hause. Die Reise (ohne Flugzeug) dauerte vom Januar 1965 bis Juli 1965. Davor reiste und arbeitete ich 8 Monate in Israel. Ich schreibe bereits an weiteren Reportagen.
      Viele Grüsse Ernst

      • minibares schreibt:

        In Israel war ich mit Mann und Tochter in 2007.
        Da wäre ich an deinen Berichten sehr interessiert.

        Boah, so lange ist das bei dir her. Alle Achtung!
        8 Monate in Isreal, boah, das ist ja Klasse. Dann kennst du es wohl in- und auswendig.

  3. Rien schreibt:

    hoi Ernst ich freue mich jedes mahl wan du eine neue geschichte geschrieben hast

    gruss aus Holland

    • Ernst schreibt:

      Hoi Rien, danke Dir. Im Moment habe ich Druckerprobleme, Scannerprobleme und viele weitere Berichte sollten geschrieben werden. Frage? Wann? Alles Gute Dir und Elise. Ich wünsche Euch frohe Weihnachten und ein besinnliches Fest. Gesundheit, Zufriedenheit und Gottes Segen sollen Euch beide im neuen Jahr begleiten.
      Gruss Marianne u. Ernst

  4. juzicka schreibt:

    oh mein gott … was hesch du alles erläbt

  5. katerwolf schreibt:

    was für ein abenteuer! und wie toll, wenn man auf so etwas zurückblicken kann. ich habe ja auch einen reise-pool 😉

    liebe grüße, katerwolf

    • ernstblumenstein schreibt:

      Weist Du, ich war zweiundzwanzig Jahre alt und alles in allem fünfzehn Monate unterwegs, ohne je ein Flugzeug bestiegen zu haben. Was hat es für eine Bewandtnis mit deinem Reise-pool? Ich wünsche Dir eine gute Zeit. Liebe Grüsse, Ernst

  6. Träumerle Kerstin schreibt:

    Wow – was hast Du denn für Abenteuer erlebt. Indiana Jones? Wollte fragen, wann das war, habe aber am Ende dann 1965 gelesen. Da war ich ja noch Quark im Schaufenster 🙂
    Interessant, ich lese gern weiter.
    Viele Grüße von Kerstin.

  7. ernstblumenstein schreibt:

    Hi Günter,
    habe deinen Reisebericht mit viel Interesse gelesen. Du bist also 5 Jahre vor mir in dieser Gegend auch gereist. Toll, wie Du deine Eindrücke in Belutschistan beschreibst, Chapeau! Vielen Dank und Grüsse Ernst
    PS. Es warten noch viele Erinnerungen darauf, endlich fertig recherchiert und geschrieben zu werden.

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