Donnerstag, 6. Dezember 2012


.

Ich verbrachte rund 15 Jahre meiner Ausbildungs- und Berufszeit in der Stadt Zürich. Trotz der florierenden Wirtschaft in der Stadt, von der auch ich profitierte, hatte ich  damals schon eine kritische  Meinung zum aufkommenden Konsumverhalten.

Dezemberimpressionen

Neuschnee war gefallen, Kinder schlittelten an den spärlich ver-schneiten Hängen und Züge erhielten die obligaten Verspätungen. Auf den Poststellen wie immer Paketaufschriften zuhauf ; Bitte erst an Weihnachten öffnen.

Zehnder mochte die Trams nicht, die quitschend in Zürich verkehrten, um die vielen Menschen, die sich jeden Morgen aus dem düsteren Hauptbahnhof drängten, aufzunehmen.

In der Früh die Arbeiter, mit Rollkragenpullovern, Lederjacken, es roch nach Tabak und nach Bier. Müde Gesichtszüge, im allgemeinen schlecht rasiert, dunkle, dem Winter angepasste Kleider. Später dann Angestellte, Beamte, Sekretärinnen und Studenten. Aktentaschen, Krawatten, Zeitungen und Parfumdüfte. Auch hier belangloses Geplauder, hinter den Masken dieselben müden Gesichter.

Zehnder war verheiratet und seine Ehe kinderlos geblieben. Am Morgen holte er die Zeitung, bevor er zur Arbeit fuhr. Er liebte es, abends durch die Stadt zu gehen, ziellos würde man sagen.

Viele Menschen standen vor Schaufenstern, rechneten in Gedanken ihre Budgets, um sie alsbald wieder abzuändern. Es schien ihm, dass die Leute trotz Advent herum hetzten. War es der Wohlstand, der sie antrieb? Nehmen nicht unnütze Dinge bereits schon überhand? Er merkte, die Stadt war im Aufbruch und mit ihr ihre  Bewohner.  

Er bog er in eine dunkle Seitengasse ein. Kalte Luft schlug ihm ins Gesicht. Es gab hier nur wenige Auslagen, auch weniger Passanten und das war gut so. Er fühlte sich wieder besser und die Einsamkeit, die ihm mitten auf den belebten Trottoirs der Bahnhofstrasse befiel, dieses beklemmende Gefühl verlor er hier in dieser Gasse. Ein älteres Ehepaar ging an ihm vorbei, hochgestellte Kragen verbargen ihre Gesichter. Er hörte Worte wie „wir werden ihn zur Vernunft bringen, schliesslich“…

Zehnder setzte seinen Weg fort und kam wieder auf eine belebte Strasse. Lärm brandete auf, die Autolichter zuckten an Fassaden und Balkonen hoch. Adventszeit. In den Auslagen Ideen, goldene Sterne, silberne Glocken, künstliche Tannenzweige, Kerzen und weisses Nikolaushaar. Man schenkt aus Liebe, aus Zuneigung vielleicht oder wie du mir, so ich dir. Kurzum, man schenkt und wird beschenkt.

Zehnder musste an die Weihnachtsgeschichte denken, die ihm seine Mutter in seiner Jugendzeit jeweils vorgelesen hatte. Ja, es waren schöne Stunden gewesen, jene damals zwischen sechs und sieben Uhr abends.

Adventszeit, irgendwo in einem zweiten Stockwerk brannten hinter einem Fenster Kerzen, drei vielleicht oder vier. Das Licht wird eine Ambiance in der Stube verbreiten, dachte er, die Armut lebt im verborgenen. Es müssen dort ältere Menschen wohnen.

Im Haus würde ein schmales Treppenhaus, versehen mit einem dunklen Holzgeländer, die Wohnungen untereinander verbinden. Ein Läufer liefe von Stockwerk zu Stockwerk und es würde nach Bodenwichse riechen. Blankgeputzte Messingstäbe hielten den Läufer fest und der Hausmeister müsste des öfteren nachsehen, ob all die Stäbe auch überall richtig in den Halterungen lägen. Zum Glück gibts noch solche Treppenhäuser, dachte er, verborgene Menschen auch, die den Sinn des Weihnachtsfestes kennen und pflegen.

Was an der Glocke hängt, ist Oberflächlichkeit und  Effekthascherei schlechthin.

Zehnder liebte es, abends durch die Stadt zu gehen, ziellos würde man sagen.
©
E.B., Zürich 1967
Das Gedicht zum Tage

Advent
Es treibt der Wind im Winterwalde
Die Flockenherde wie ein Hirt,
Und manche Tanne ahnt, wie balde
Sie fromm und lichterheilig wird,
Und lauscht hinaus. Den weissen Wegen
Streckt Sie die Zweige hin – bereit,
Und wehrt dem Wind und wächst entgegen
der einen Nacht der Herrlichkeit.

Rainer Maria Rilke. 1875-1926. Lyriker.  

Ich wünsche euch eine gute Zeit.  Ernst. 

.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Kurzgeschichten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

18 Antworten zu Donnerstag, 6. Dezember 2012

  1. ute42 schreibt:

    Wunderschön hast du die Stimmung beschrieben. Man meint mit Zehnder durch die Straßen zu gehen.

  2. Mathilda schreibt:

    Danke für deinen tollen Beitrag und das schöne Rilkegedicht.
    Dir wünsche ich einen schönen Nikolaustag und sende liebe Grüße

    Mathilda 🙂

  3. minibares schreibt:

    Lieber Ernst, für mich war der Advent immer etwas Besonderes.
    Heimelig ging es zu. Ruhig und bedächtig. Abends die Adventskerze an und es wurde gesungen, alle Adventslieder. Vater spielte Geige, der Bruder Akkordeon, ich Flöte.
    Wenn es doch wieder so sein könnte. Doch sie alle leben nicht mehr.
    Deine Geschichte hat mich an damals erinnert.
    Als alles noch ruhig war im Advent.
    Dir noch einen guten Nikolaus-Abend ♥
    Bärbel aus dem Ruhrgebiet

  4. Anna-Lena schreibt:

    Das Denken der heutigen Zeit hast du sehr ansprechend in Worte gekleidet, lieber Ernst.
    „…goldene Sterne, silberne Glocken, künstliche Tannenzweige, Kerzen und weisses Nikolaushaar…“ Dieses Angebot ließe sich noch beliebig erweitern. Und für Tand dieser Art geben die Leute immer noch ihr immenses Geld aus.

    Seit wir nicht mehr in Berlin, sondern bei Berlin, etwas ländlich leben und wir uns aus dem Weihnachtsrummel der Stadt zurückziehen können, genieße ich heute ganz bewusst die Ruhe und Stille, die sich mit einer ansehnlichen Schneedecke und blauem Himmel ausbreitet…

    Ich schicke dir schneereiche Grüße,
    Anna-Lena

    • Ernst schreibt:

      Tja, diese Eindrücke habe ich 1967 geschrieben und sie sind heute noch aktuell. Das Leben etwas abseits des Rummels hat schon etwas für sich.
      Bei uns arbeitet Frau Holle ungemein viel und es liegt Schnee. Ich habe es lieber weiss als grau, Regen und Matsch.
      Ich hoffe, dass Du nun das Gröbste in der Schule überstanden hast und es etwas ruhiger angehen kannst. Ich gönne es Dir.
      Liebe Grüsse. Ernst

  5. Silberdistel schreibt:

    Hektik und Trubel ist etwas, was ich so gar nicht mag. Für mich ist es immer die Frage, ob ich das alles mitmachen MUSS. Ich denke, ich muss nicht und dann kann es auch heute noch schön sein in der Vorweihnachtszeit und auch zu Weihnachten.
    Interessant, was Du Dír damals schon für Gedanken gemacht hast.
    Danke auch für den Rilke und liebe Grüße aus dem sonnigen weißen Norden von der Silberdistel

    • Ernst schreibt:

      Vielen Dank für deine Gedanken. Ja, so ist es. Meine Frau sagt das auch immer, Gott sei Dank, muss nicht mehr, ich darf, wenn ich will. Sie konnte eben früher nur schwer NEIN sagen. Gäll, fast ganz Europa hat Schnee, sogar der Norden und der Süden. Was für eine Uebereinstimmung.
      Ich schicke Dir liebe Grüsse an die Ostsee. Machs guet. Ernst

  6. buchstabenwiese schreibt:

    Die Stimmung kommt gut rüber in deiner Geschichte, lieber Ernst. Man läuft gemeinsam mit Zehnder durch die Straßen… Danke schön.

    ♥liche Grüße zu dir,
    Martina

    • Ernst schreibt:

      Danke für deine Zeilen. Weisst Du, auch ich bin mit meinen Kurzgeschichten oder Gedichten nie zufrieden und tue mich manchmal viel zu schwer damit. Trotzdem mach ich es gern.
      Auch ♥-liche Grüsse in die Kerzennacht. Ernst

  7. alltagsblick schreibt:

    Ernst ich kann Herr Zehnder verstehen, was Düfte und Menschen anbelangt. Als ich noch in Zürich lebte und arbeitete, kämpfte ich öfters mit Übelkeit. Besonders der Morgen war für meinen Geruchssinn und mich eine Herausforderung. Im Tram und Bus unterwegs, wird man mit vielen verschiedenen Düften – Parfums in gigantischer Vielfalt und Stärke, Essen, Kaffee, ungeduschte nach alten Schweis riechende Menschen usw. – konfrontiert.
    Gruass Claudia

    • ernstblumenstein schreibt:

      Ich danke Dir für deine Zeilen und deine interessanten Wahrnehmungen, die Du in deiner Zeit in Zürich erlebt hast. Ich dachte, meine alte Kurzgeschichte sei für Leser nicht mehr aktuell. Dir e gueti Zit und Grüess. Ernst

  8. araanz50 schreibt:

    Abraços, Araan.

  9. ernstblumenstein schreibt:

    Abracos, my dear. ❤ Ernest

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s