Samstag, 16. Hornung


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Ein Dorforiginal

Unser Hund bellt. Irgend jemand ist unterwegs zu unserer Gartentür. Es klopft und wir öffnen. Frau Meier kommt mit ihrem alten Weidenkorb unter dem Arm zu uns ins Esszimmer. Grüezi miteinander, ob wir den Süssmost, den Sie uns vorgestern vor die Tür stellte, gesehen haben?, will Sie wissen. Ja ja, klar, vielen Dank.

Sie komme nur, um die leere Flasche wieder abzuholen. Sie brauche sie um neuen Most zu pressen. Wie immer trägt Sie ein farbiges Kopftuch und eine markante Schürze über ihrem überlangen Rock.

Ob sie ein Glas Wein mit uns trinke, frage ich Sie und biete ihr einen Stuhl an. Sie setzt sich und wir prosten uns zu.

Wo wir denn die Totentrompeten, die draussen im Pilz-Arrangement auf dem Tisch liegen, gefunden haben, will sie wissen?

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Die fanden wir oben am Waldrand in Büschikon. So So, ihr verstorbener Mann habe früher auch Pilze gesammelt, Eierschwämme, Morcheln, Totentrompeten und noch anderes „Züügs“. Anfänglich habe sie damals vor den „Schwämmen“ schon Angst gehabt, später habe Sie sie jedoch gern gegessen.

Zahlen müssen wir den Most ja auch noch, lasse ich verlauten, was er denn dieses Jahr koste? Sie habe auf zwei Franken aufgeschlagen. Ja, bei eurer „Handmosterei“ ist dieser Preis wahrlich nicht zuviel, sage ich zu Ihr und gebe ihr das Geldstück.

Den Zweifränkler lässt sie schnell in ihrem verbeulten Portemonnaie verschwinden.

Sie verabschiedet sich. Beim hinausgehen sage ich ihr, dass Sie dann schon Gras für ihre Hasen bei uns holen könne, wenn sie noch zusätzliches Futter brauche.

Originale sterben leider aus. Auch Frau Meier ist kurze Zeit später gestorben.

© Foto und Text  E.B. 1995

Der Spruch zum Tage

Begeisterung ist die Flamme,
die das Leben der Menschen,
das geistige, wie das irdische,
nährt und erhält.

Ernst von Feuchtersleben, österreichischer Philosoph, Arzt, Lyriker und Essayist.

Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.  Ernst

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16 Antworten zu Samstag, 16. Hornung

  1. einfachtilda schreibt:

    Dir auch ein schönes Wochenende lieber Ernst ♥

  2. Traude schreibt:

    Lieber Ernst, bei deinen Schilderungen sind mir eine Handvoll Originale eingefallen, die ich so im Lauf meines Lebens kannte. Mein Vater war übrigens auch eins davon, bekannt wie ein bunter Hund und (fast) überall beliebt. Das sind dann so die Menschen, die noch lange weiterleben, weil es Geschichten über sie gibt, Anekdoten, die weitergegeben werden, so wie du eine Geschichte von Frau Meier weitergibst. Ich glaube dennoch nicht, dass es bald keine Originale mehr geben wird. Auch Frau Meier war als junges Mädchen vermutlich noch nicht das, was man gemeinhin als Original bezeichnet. Dazu gehört eine gewisse Reife, ein „ich-selber-sein-wurscht-was-die-andren-denken“, das traut man sich oft erst in späteren Jahren… :o))
    Alles Liebe und herzliche Rostrosengrüße!
    Traude

    • ernstblumenstein schreibt:

      Liebe Traude,
      Weisst Du, ich denke manchmal sehr resolut. Deine Ueberlegungen sind sicher richtig, trotzdem finde ich, dass die heutige Gesellschaft, so wie sie funktioniert und sich weiter entwickelt, immer weniger Originale hervorbringen wird.
      Junge Leute können nicht Originale spielen, das ist klar. Wie Du schreibst, sind es immer gestandene ältere „Manns-oder Weibsbilder“ oder sonst „schräge Vögel“, die innerlich sehr gereift sind. Danke für deine Zeilen und deinen Besuch.
      Ich sende Dir liebe Grüsse in deinen Rostrosengarten. 😀 ♥-lich Ernst

  3. ute42 schreibt:

    Wirklich schade, dass solche Menschen langsam aussterben. Du hast das sehr schön geschildert. Den Namen „Totentrompeten“ habe ich noch nicht gehört, also diese Pilze würde ich vermutlich nicht verspeisen. Sind die überhaupt essbar?

    • ernstblumenstein schreibt:

      Hallo Ute,
      Ich danke Dir für deinen Besuch und deine Zeilen. Totentrompeten sind eine Delikatesse in einem Mischgericht. Es sind die dunkelbraunen Trompetenöffnungen, die Du im unteren Pilzteller siehst. Sie sind wunderbare Speisepilze und bei den „Magenbotanikern“ sehr gesucht und geschätzt.
      Liebe Grüsse Ernst

  4. Quer schreibt:

    Ja, wenn es die Frau Meiers und Herrn Müllers mit ihren liebenswerten Eigenheiten nicht gäbe, das Leben wäre weniger spannungsreich…
    Auch dir ein Wochenende voll flammender Begeisterung!
    Liebe Grüsse,
    Brigitte

    • ernstblumenstein schreibt:

      Ja, Brigitte, die Müllers und Meiers sind eine Bereicherung in unserem Leben !!! Ob ich morgen eine flammende Begeisterung erleben kann – da hab ich noch so meine Zweifel.😉 😀
      Dir ein schönes Wochenende und liebe Grüsse. Ernst

  5. martaperegrina schreibt:

    Interesante escrito sobre este raro homgo.
    Hermosa semana.

  6. buchstabenwiese schreibt:

    Das ist so schön erzählt, lieber Ernst. Wunderbar.

    Sind wir nicht alle irgendwie Originale?😉 Anders halt als Frau Meier, sonst wären wir ja eine Kopie, aber doch Orignale.😉

    Liebe Grüße,
    Martina

    • ernstblumenstein schreibt:

      Ich glaube, dass jeder Mensch schlussendlich ein Original ist und nie eine Kopie sein kann, da hast Du, liebe Martina, völlig Recht. Dann gibt es aber noch originellere Originale, die meinte ich, 😉 hm, äähh, oder so ähnlich.😉 Du weisst schon…
      Liebe Grüsse. Ernst

  7. Waldameise schreibt:

    Lieber Ernst, du warst aber fleißig. Heute musste ich ganz schön weit runterscrollen, um all deine schönen Einträge bewundern zu können.

    Was du hier schreibst, ist wohl leider wahr. Oder haben sich unsere Wahrnehmungen verändert? Mir kommt es aber auch so vor, als wär einem früher viel öfter so ein „Unikat“ begegnet.
    Kennst du zufällig die Filme von Gernstl? Gernstls Reisen? Da wurden u.a. solche Menschen vorgestellt … in Deutschland, Österreich oder der Schweiz.
    Falls du mal schauen magst:
    http://www.gernstls-reisen.de/

    Ich wünsch dir eine gute Woche und sende liebe Grüße,
    die Waldameise

    • ernstblumenstein schreibt:

      Liebe Andrea, es ist alles auch eine Frage, was man unter einem Original versteht. Jeder hat da seine Ansichten, und je nachdem, wie er diesen Begriff definiert, können dann die Meinungen verschieden sein.
      Ich finde, richtige Unikate werden rarer, weil die heutige Gesellschaft auch ihre Menschen verändert. Diese Veränderung lässt weniger Originale zu. Die Filme von Gernstl kenne ich nicht.
      Der regionale Bayern-TV hat glaub ich eine Serie, die heisst „Lebenslinien“ oder so. In dieser Sendung werden zum Teil auch originelle Leute porträtiert.
      Ich wünsche Dir auch eine gute Woche. Liebe Grüsse. Ernst

  8. Träumerle Kerstin schreibt:

    Solch Originale sterben leider aus. Auch ich kenne noch welche. Ein alter Mann wohnte am Ende unserer Straße. Er fuhr bis zuletzt (vor ca. 10 Jahren) mit dem Pferdefuhrwerk durch die Stadt, alte zerschlissene Kleidung, der Rücken zum Buckel gekrümmt. Seine Frau lebte noch eine Weile allein im alten Haus (da würde ich gern mal reinschauen, aber vielleicht würde mich das Entsetzen packen). Sie stand immer am Markt: Wollrock, Wollsocken, Holzpantinen, Strickjacke und Kopftuch. Aber dann kam sie in ein Heim, sie konnte nicht mehr allein sein. Keine Ahnung, ob sie noch lebt, habe nie wieder was von ihr gehört.
    Viele Grüße von Kerstin.

    • ernstblumenstein schreibt:

      Ja, solche Lebenssituationen, wie Du sie schilderst, Kerstin, werden glaub ich immer weniger. Wenn dann noch die Armut dazukommt, dann kann es in solchen Leben auch sehr tragisch werden. Vielen Dank für deine Ausführungen.
      Ich wünsche Dir eine gute Zeit und sende viele Grüsse. Ernst

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