Dienstag, 12. November 2013


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Eine Nacht vor Sabbat
Neve Yam, Israel (6)

Ich stehe auf einer Düne und schaue hinaus aufs Meer. Die Brandung rollt an, Wellen überschlagen sich zu Schaumkronen. Dann fallen sie jäh zusammen und fluten seewärts.  


Foto : Der Dank geht an die Bloggerin Silberdistel von der Ostsee.

Aus einem Sandloch blickt mir plötzlich eine Krabbe entgegen. Mich wahrnehmend, erstarrt sie in ihren Bewegungen. Ich halte mich still, bis sie wieder blitzschnell in ihrem Loch herumfuchtelt.


Foto : Der Dank geht an die Bloggerin Silberdistel von der Ostsee.

Die ewige Brandung des Meeres verkörpert für mich Binnenländler die unendliche Freiheit. Erst wenn man längere Zeit im Ausland weilt, merkt man, wie kleinkariert das Leben in der engen Schweiz schon damals gewesen ist.

Ich bin glücklich hier in Israel zu sein, bin glücklich, draussen in der weiten Welt angekommen zu sein.

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Th. Reinhardt – pixelio.de

Tief steht die Sonne am Horizont. Was für eine Vielfalt an Menschen, Völkern, Sprachen und Kulturen unsere Welt beherbergt kann ich nur erahnen. Ich komme mir vor wie ein Sandkorn, das an einem kilometerlangen Strand liegt.

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Foto Klaus Steves, pixelio.de
Es dunkelt. Ich vergrabe meine Hände in den Hosentaschen. Der Mond bricht manchmal schemenhaft durch die Wolken, dann zerbricht das fahle Mondlicht wieder. Eine Wolke schiebt sich vor den Mond. Das Licht dunkelt jäh ab.  


Foto : Der Dank geht an die Bloggerin Silberdistel von der Ostsee.

Die Nacht ist an der Karmelküste herein gebrochen. Weiter vorne brennt bereits ein Strandfeuer, das Kibbuzniks entfacht haben. Ich schlurfe zum flackernden Feuer.

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Klaus Brüheim – pixelio.de


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Foto Alois Brunner, Rupperswil

Zuur und ein anderer kümmern sich um das Feuer, um das herum junge lebensfrohe Frauen und Männer sitzen.

Es sind Kibbuzniks, (Kommunarden, Kibbuz-Einwohner) und Sabres, (in Israel oder Palästina geborene Juden).  Ich freue mich auch, dass Didi Maarabi und Jossi Longassi, unsere Arbeits-Kumpel, gekommen sind. Sie gehören zu uns.

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Foto eingescannt von Ernst Blumenstein. Merian 1968.

Eine friedliche Atmosphäre herrscht um das Strandfeuer. Fröhliche, ernste und auch schwermütige Lieder klingen in der Nacht. Das Liedgut ist so vielseitig wie die aus 60 Nationen stammenden Einwohner Israels.

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Foto eingescannt von Ernst Blumenstein. Merian 1968.

Diese Vielfalt begegnet mir hier auch im täglichen Leben. Ich geniesse die lockere Ambiance, akzentuiert noch vom Durcheinander der Sprachen und Stimmen.

Langsam erlischt das Feuer.  Zuur klopft mit mit einem Holzhammer die Steaks, würzt sie und stellt sie zur Seite. Dann legt er beidseitig Steine an die Glut.

Er stülpt er den Grillrost darauf und beginnt zu bräteln. Fett zischt manchmal in die Glut. Der Gesang verstummt.

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Foto Marco Görlich – pixelio.de

Mir wird eine fein duftende Grillade gereicht, dazu Brot, Zwiebeln, Peperonis, Oliven, Tomaten, Gurken und Rettiche. Als Getränke gibt es Bier, Wein oder Wasser. Ich geniesse das Essen, es schmeckt.  

Mondlicht setzt den Strand erneut in mattes Licht. Geheimnisvoll flutet das Meer. 

Foto : Der Dank geht an die Bloggerin Silberdistel von der Ostsee.

Das Strandfeuer fällt in sich zusammen, weiter draussen in der Nacht hält sich ein Liebespaar umschlungen. Es sind freiwillige Helfer, die ebenfalls mit uns im Kibbuz arbeiten.

Liaisons zwischen einheimischen Sabras und ausländischen Volunteers habe ich während meines Aufenthaltes in Israel nie gesehen.   

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Foto Andreas B – pixelio.de

Die Geisterstunde ist angebrochen, eine allgemeine Schläfrigkeit macht sich bemerkbar.

Die Nacht ist warm und aus der Ferne tönt der auf- und absteigende Gesang der Zikaden. Eine Nacht vor Sabbat geht so dem Ende zu.

Shalom. Ernst

© Text Ernst Blumenstein.

Der Spruch zum Tage

Ein Kluger hat so viel zu denken,
dass er keine Zeit hat zu reden.

Ein Dummkopf hat so viel zu reden,
dass er keine Zeit hat zu denken.

Sprichwort aus Israel.

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24 Antworten zu Dienstag, 12. November 2013

  1. Beate Neufeld schreibt:

    Lieber Ernst,
    das ist eine sehr berührende und beeindruckende Beschreibung.
    Es grüßt: Die Beate

  2. martaperegrina schreibt:

    Hola Ernst realizaste un interesante y muy descriptivo relato de una parte de tu vida en Israel.
    Es muy agradable leerte.
    Que tengas una entretenida semana.
    Un abrazo.

    • ernstblumenstein schreibt:

      Hola Marta, hab vielen Dank für deinen Kommentar über mein Leben in Israel. Ich übersetze deinen Kommentar immer via Dictionary Spanisch-Deutsch 😉 Ich mache es gerne, lerne dabei etwas Spanisch 😀 . Ich wünsche dir eine angenehme Woche und umarme dich in Gedanken. Ernst

  3. ute42 schreibt:

    Sehr poetisch, lieber Ernst. Du hast das Leben dort geliebt.

  4. Silberdistel schreibt:

    Lieber Ernst, wie schön Du die Nacht vor Sabbat beschrieben hast. Man glaubt fast, neben Dir zu stehen und das Geschehen rundum zu beobachten. Dieser Abend scheint für Dich eine schöne Erinnerung zu sein. Irgendwie spürt man, wie Dich das Meer, der Mond, die Nacht in der Fremde unter fremden Menschen, von denen einige inzwischen zu lieben Freunden geworden sind, beeindruckt haben und wie sehr Dir das alles ans Herz gewachsen war.
    … und von dem leckeren Essen, mir steigt der Duft richtig in die Nase, stibitze ich jetzt schnell einmal etwas von Deinem Teller 😉
    Liebe Grüße schickt Dir die Silberdistel, die die Weite des Meeres nicht würde missen mögen

    • ernstblumenstein schreibt:

      Hoi Silberdistel, vielen herzlichen Dank für deine lieben Zeilen, die mich freuen. Ich habe diese Zeit in guter Erinnerung und gab mir auch Mühe, damit Du das merkst 😉 😀
      Zufällig weisst Du ja, wie lange ich dieses Erlebnis ausgebrütet habe, lach, ich habe ja sogar deinen geschätzten, aber stechenden Namen im Bericht erwähnen können/dürfen/müssen. Lächel…

      Deshalb reiche ich Dir einen vollen Teller dieser Köstlichkeiten. En guete Appetit wünsch ich Dir. Nur, die Grillade musst Du sofort verspeisen, sonst wird sie kalt….
      Derweil lege ich noch einige Holzscheite ins Feuer, damit uns dieses wärmt und wir zwei am Feuer noch verweilen und berichten können. 😀
      Liebe Grüsse in den Norden. Ernst

  5. Linda schreibt:

    Very nice post…lovely photos.

    • ernstblumenstein schreibt:

      Vielen Dank Linda für deinen Besuch. Ich besuchte deinen Blog, habe einen Kommentar zu Weihnachten im Shopping-Center geschrieben, weiss jedoch nicht, ob er angekommen ist. On Verra. Liebe Grüsse. Ernst

  6. syntaxia schreibt:

    Da hatte dich das Meer und die Abendstimmung in seinen Bann gezogen – schön. Die Lieder am Feuer, die würde ich gern hören… 🙂
    Das Sprichwiort hat mich lachen lassen. Es könnte etwas Wahres dran sein.

    ..grüßt dich Monika

  7. Conchi schreibt:

    Deine Fotos gefallen mir supergut, und ich liebe das Meer ganz besonders!
    Leider war ich schon lange nicht mehr an einer Küste, und vermisse das sehr.
    Da tut es wirklich gut, so tolle Bilder anzusehen!! Vielen Ddank dafür,
    und liebe Grüße an dich
    Conchi

  8. ernstblumenstein schreibt:

    Vielen Dank und Grüsse. Ernst

  9. buchstabenwiese schreibt:

    Wunderbare Zeilen, lieber Ernst.
    Und traumhafte Fotos dazu.
    Besonders gut gefällt mir dein Foto von den Jungen. Einfach toll.

    Liebe Grüße,
    Martina

  10. vivilacht schreibt:

    ich lese deine Berichte sehr gerne, speziell da du auch an Plaetzen warst, die ich noch nie besucht habe.

  11. ernstblumenstein schreibt:

    Ich danke dir Vivi für deinen Besuch. Liebe Grüsse Ernst

  12. unbesorgt schreibt:

    eine schöne erzählung von einem in die nacht übergehenden abend, an den auch ich mich gern erinnern würde, hätte ich ihn denn erlebt. ich mag lagerfeuer und habe mir die atmosphäre sehr gut vorstellen können, da du ja auch noch bilder dazu eingestellt hast. danke dafür.
    liebe grüße in schweiz
    angelika

  13. ernstblumenstein schreibt:

    Hallo Angelika, danke für deine Zeilen. Es freut mich, dass dir meine Schilderung dieses Abends, wie ich ihn aus meiner Erinnerung heraus erzählte, gefallen hat. Ich danke und wünsche dir einen guten Start in die Woche. Liebe Grüsse in den Norden. Ernst

  14. Träumerle Kerstin schreibt:

    Da hast Du eine feine Geschichte aus Deinen Erinnerungen und den dazu passenden Bildern geschrieben.
    Ich mag das Meer, diese besondere Stimmung am Morgen bei Sonnenaufgang oder am Abend, wenn es still wird.
    Bei der Beschreibung des dargereichten Essens bekomme ich doch glattweg wieder Appetit 🙂
    Liebe Abendgrüße von Kerstin.

    • ernstblumenstein schreibt:

      Vielen Dank, liebe Kerstin für deinen Kommentar, der mich freut. Als Binnenländler habe ich zwar Seen, aber das Meer fehlt mir manchmal sehr und dann müssen halt Erinnerungen herhalten. Ich wünsche dir eine besinnliche Vorweihnachtszeit. Herzlich Ernst

  15. sarah rivka asher schreibt:

    Auch mein Kommentar lieber Ernst.
    danke-danke-danke…. todah rabah…
    shalom
    sarah

    • ernstblumenstein schreibt:

      Hallo Sarah, welch eine freudige Ueberraschung, hier von dir zu lesen. Tja, ich habe ein schlechtes Gewissen, habe glaub ich bei dir immer noch eine Schreibschuld. Ich bin ein Chaot und tanze immer noch auf zu vielen Hochzeiten. Ich wünsche dir eine ganz gute Zeit und hoffe, Du kannst das herrliche Frühlingswetter auch geniessen. Sei herzlich gegrüsst!
      todah Rabah, shalom Ernst

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