Donnerstag, 7. Mai 2015


 

Birsha (6)

Die Arme verschränkt und selbstbewusst stand sie in ihren traditionellen Kleidern da und schaute mich mit ihren großen braunen Augen an, als wollte sie mich fragen, woher ich komme und was ich hier überhaupt mache.

Es war genau vor 50 Jahren. Sie wartete mit ihrer Mutter an einem öffentlichen Brunnen in Bhaktapur, um Wasser zu holen. Ich kannte ihre Sprache und ihren Namen nicht und konnte deshalb nicht mit ihr sprechen. Ich nenne sie der Einfachheit halber Birsha.

Ich war damals dreiundzwanzig, Birsha schätzungsweise zehn bis zwölfjährig; sie müsste heute also um die 60 Jahre alt sein.

Birsha mit ihree Mutter beim Wasser holen.

Bhaktapur Frauen u Kinder am Brunnen 191 - Kopie

Ich frage mich, wie ihr Leben verlaufen ist, was sie aus ihrem Leben gemacht hat?

Ob Birsha ein Handwerk lernen konnte, eventuell sogar Töpferin wurde?

Oder ob sie in die Golfstaaten ging, um dort als Hausmädchen zu arbeiten und ihrer Familie Geld zu schicken? Ich hätte es ihr von ihrer forschen Art her zugetraut.

Oder dass sie einen Bauern heiratete, mit dem sie einen Gemüse- und Reisanbau betrieb, der ihnen ein bescheidenes Auskommen und Leben ermöglichte. Ob sie Kinder hatte?

Ob sie vielleicht als Lastenträgerin Güter in entlegene Dörfer  trug, die nur zu Fuß erreichbar sind, um so die Feinverteilung von Waren zu sicher zustellen und vom schmalen Lohn leben konnte?

Wohnte sie in einem baufälligen Backsteinhaus oder schaffte sie es, in einem neueren solideren Steinhaus zu leben?

Ich frage mich, ob Birsha bis zu dem Zeitpunkt, als die Erde bebte, lebte? Wenn ja, ob sie die Katastrophe überlebte?

Wenn ich an dieses Naturereignis denke bedrückt es mich, weil ich machtlos bin und weiß, dass es gar nicht möglich ist, all den verletzten und obdachlosen Menschen, die draußen in Dörfern leben, mit ärztlicher Hilfe, Trinkwasser und Nahrung zu helfen.

Ich schaue mir Birsha’s Foto an und bin traurig.

Ernst  

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Dieser Beitrag wurde unter Erinnerungen an frühere Zeiten, Reiseberichte, Bilderbilder aus Indien, Nepal veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

17 Antworten zu Donnerstag, 7. Mai 2015

  1. einfachtilda schreibt:

    Oh, das berührt mich sehr lieber Ernst !

  2. Anna-Lena schreibt:

    Vertraue darauf, dass sie ihren eigenen Weg gegangen ist. Möglicherweise ist sie diesem frühen Leben rechtzeitig entflohen.

  3. Arabella schreibt:

    Wie viele Leben teilen wir täglich, ohne sie zu berühren.
    Du hast hier berührt.
    Herzeliges

  4. ute42 schreibt:

    Die Kleine sah wirklich sehr selbstbewusst aus. Das lässt hoffen, dass sie ihren Weg gefunden hat.

  5. finbarsgift schreibt:

    Und ich teile deine Trauer,
    denn ich kenne dieses
    Abschied-nehmen-Phänomen
    auch selbst nur zu gut…
    liebe Grüße vom Lu

  6. minibares schreibt:

    Du warst auch in Nepal?
    Lieber Ernst, ich kann deine Trauer nachvollziehen. Wer mal dort war, kennt die Gegebenheiten. Ich weiß, wie schlimm es sein muss, was wir ja auch aus den Medien erfahren.
    Solche endgültigen Abschiede tun immer weh.
    Ganz liebe Grüße Bärbel

  7. ernstblumenstein schreibt:

    Ja Bärbel, ich war im April/anfang Mai 1965 in Nepal. Ein armes Volk mit einer Regierung, die leider viel zu wenig für ihre Bevölkerung tut. Auch dir wünsch ich eine frohe Maienzeit wie allen anderen auch.. Liebe Grüsse Ernst

  8. Träumerle Kerstin schreibt:

    Genau solche Fragen schießen mir auch durch den Kopf beim Anblick dieses Kindes. Sie hat eine ganz besondere Ausstrahlen, man spürt Kraft und Energie, sie war – oder ist – sicher sehr selbstbewusst und energisch.
    Und wieder staune ich, wo Du so warst. Nepal, die wenigsten von uns waren da und werden es jetzt vielleicht erst recht nicht sein. Ein Bergsteiger hier aus der Gegend war die letzten Jahrzehnte regelmäßig da, bei einem Vortrag vor zwei Jahren hier im Rathaus habe ich seinen Ausführungen gelauscht.
    Liebe Grüße von Kerstin.

  9. ernstblumenstein schreibt:

    Ja Kerstin, ich war in frühen Jahren eine Zeitlang in einigen Ländern unterwegs, heute bin ich nur noch im Nahverkehr unterwegs…
    Hab eine schöne Maienzeit. Ernst

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