Montag, 29. Juni 2015


Gaston Chaissac (1910-1964), eine Randfigur

in der Kunstszene seiner Zeit.


Wer kennt den Maler Gaston Chaissac? Klar, niemand natürlich. Ich habe diese Bilder von ihm in der kulturellen Monatsschrift DU zufällig gesehen und mich gefragt; wer war dieser unbekannte Maler? Ein Außenseiter?

Um seine sehr interessante Entwicklung als Künstler und Mensch hier wieder zu geben, fehlt mir schlichtweg das Wissen, Können und die Zeit. Ich beschränke mich darauf, euch meine Eindrücke über diese Bilder zu schildern und einige Fragmente aus seinem Leben zu erzählen.

Er scheiterte mehrmals beim Versuch, eine Berufslehre zu machen und war zeitlebens kränklich, was Klinik- und verschiedene Sanatorium-Aufenthalte nötig machte. Er wurde nur 54 Jahre alt.
Chaissac in seinem Atelier. 1958.

Scan

Unbeeinflusst von anderen Künstlern seiner Zeit begann er als 28-jähriger Autodidakt zu kleben, zimmern und malen, um seine eigene  skurrile Phantasiewelt zu entwickeln.

Er hielt sich mehrmals in Paris auf und eröffnete mit Hilfe seines Bruders eine kleine Schuhwerkstatt, die aber nicht rentierte, sodass er das Geschäft wieder aufgab.

Es gelang ihm nie, mit seiner Kunst sein Leben zu bestreiten, kam doch seine Frau Camille größtenteils für den Lebensunterhalt auf.  Zudem hatte er einige Freunde, die ihn unterstützten.

Seine Bilder beeindrucken und irritieren mich manchmal. Was will er beispielsweise mit seinen wirren Schlangenköpfen und skurrilen Gegenständen wohl ausdrücken?
Le serpents bénéfiques. 1950/1951.

z G.Chaissac. Les serpents bénéfiques.1950.1951.DUOel auf Papier, auf Leinwand aufgezogen.

Je länger ich das Gemälde betrachte, umso mehr fällt mir der Reichtum der Formen und die Farbgebung auf.

Der Dorfpfarrer J. Mellier hatte die gleiche Magenkrankheit hatte wie er. Chaissac suchte seine Freundschaft, der Abbé wollte jedoch nichts von ihm  wissen.
Seine Frau bemerkte mal beiläufig: die Kunst
ihres Mannes sei bösartig; bösartig, weil viel Leiden sich darin niedergeschlagen habe. Ihre Aussage ist in diesem Zusammenhang zu sehen.
Monsieur l’Abbé Jean Mellier. 1953.

z G.Chaissac. Monsieur l'Abbé Jean Mellier. 1953. Tusche auf Papier.DU.Okt
Tusche auf Papier.

Ist da nicht ein Menschenkopf und dahinter ein Heiligenschein? Um den winkenden Arm gruppiert er als grafisches Element literarische Texte, die Nonsens, Wortspielereien oder einfache Dorfnotizen beinhalten.  

Er verwendet häufig das menschliche Gesicht als Motiv.
Die Maske.

zG.Chaissag. Maske. Undatiert. Aus einem kaputten Korb. 42x26 cm. DU.Okt.71
Auf einem kaputten Korb gemalt, undatiert.

Das auf einen kaputten Korb gemalte Antlitz erinnert mich an den französischen Schauspieler Fernandel (1903-1971).

Die angedeuteten Augen und der als formlose Masse bemalte Körper fallen mir hier besonders auf. Regard noir 1959/60. 

z G.Chaissac. Regard noir.1959.1960.Collage. 65x50cm.DU.Okt.71
Collage.

Der Künstler umrandet freundliche Farbflächen mit zitterig gemalten schwarzen Strichen. Die mit Ornamenten versehenen Flächen wirken sehr kontrastreich,  passen jedoch meiner Meinung nach nicht zum düsteren schwarzen Rücken.

Er bastelte mit allen möglichen Gegenständen wie zum Beispiel diese Skulptur aus Blechabfällen. Ich finde, das lächelnde Gesicht eines Harlekin steht im krassen Gegensatz zum unruhigen, chaotischen wirkenden Körper.
Vogel- Skulptur.

G.Chaissac. Bemalte Vogelskulptur aus Blechabfällen. Totem 1963.64.DU.Okt
Skulptur aus Blechabfällen.

Es könnte ein Hinweis sein auf die Zeit, als er in Budenstädten in Paris herumtingelte, einer Schaustellerin aushalf und sich so über Wasser hielt.

Auf Grund seiner Verbindung zu Dubuffet, der die Compagnie de l’art brut gründete, wurde Chaissac oft als Vertreter der Art Brut gehandelt. Von sich selbst sagte er einmal; “ ich bin ein artiste-bricoleur. ”  Trotzdem war er  kein  Vertreter der Abfall-Kunst oder Junk-Art.

Ende der fünfziger Jahre entstehen erste Totems. Dieses zählt mindestens 12 Gesichter; 5 mache ich beim  Militärdenkmal? aus, 6 bei der leidenden Frau, 2 sehe ich beim lachenden Clown und nur 1 Gesicht beim Kirchenfürsten.
Totem. U
m 1961.   

z G.Chaissac. Totems um 1961 .DU.Okt.71

Trotz dem lachenden Clown wirkt das Bild auf mich irgendwie sehr traurig.

Chaissacs Werke sind in keine Kategorie einzuordnen, weder Laienmalerei, Primitive Kunst oder Art Brut. Er könnte jeder Kategorie angehören, passt aber in keine richtig hinein. Deshalb war er selten an Ausstellungen oder in Publikationen präsent. Eine Randfigur der Kunstszene eben.

Einige Galeristen und Kunstliebhaber schätzten jedoch seine Arbeiten und behandelten ihn wie ein Geheimtipp.

Totem 1963/64.

G.Chaissac. Totem 1963,64. Holz bemalt. Höhe 142 cm.DU.Okt.71
Holz bemalt. Höhe 142 cm.

Diese bemalte Holzskulptur hingegen ist eine Wohltat zum anschauen und fühlt sich freundlich und lebendig an. Er hinterlässt aber auch hier wie überall komische Zeichen und sonderbare Punktgebilde.

Es könnte ja sein, dass Chaissac auch Werke seiner Zeitgenossen Bracque, Klee oder Picasso studiert hat.

Rechtecke, Kreise und Kreuz finde ich als gegenständliche Komposition  eindrücklich.
Rectangles, cercles et croix. 1960/61.

G.Chaissac. Rectangles, cercles et croix.1960.61. Oel auf Isorel.DU.Okt.71
Oel auf Isorel. 93 x 66 cm.

Vor allem fällt mir auch die feine und differenzierte Farbgebung auf.

Peter Killer schreibt im Du : Die Kunst Chaissacs ist kauzig, roh, brut. Doch diese Etikette reicht nicht. Das Linkische, Ungeschickte in seinen Werken übt jedoch einen ganz eigenen Reiz auf uns aus. Sein Nicht-Können, das Unperfekte wird zur Qualität.

Traurige Personen. Eine Vorahnung?
Personnages. 1963.

G.Chaissac. Personnages.1963.  Oel 180x120cm.  DU.Okt71.
Oel. Ca. 180 x 120 cm.

Ich vermute, dass er mit diesem sehr traurigen Bild sich und seine Frau Camille malte, weil er seinen baldigen Tod (1964) voraus ahnte und diese mit dem Bild festhalten wollte.

Bei Porte ouverte fällt die enorme Kontrastwirkung durch die Farbgebung auf. Es gelingt ihm mühelos, von der gegenständlichen in die   ungegenständliche  Komposition zu wechseln.
Porte ouverte. 1962/63.

G.Chaissac. Porte ouverte.1962.1963. Oel auf Leinwand 95x64 cm.DU.Okt.71

Oel auf Leinwand. 95 x 64 cm.

Sein Oeuvre an Zeichnungen, Aquarelle, Gouachen, Collagen, bemalte Objekte, Totems und Ölgemälde ist umfangreich, wirkt urtümlich und  narrenhaft, wie es  Kinderzeichnungen oder Höhlenmalereien eigen ist.

Das Hauptwerk entstand größtenteils in Bauerndörfern der Vendée, wo er als Sonderling galt. Chaissac schrieb auch gerne und viel. An manchen Tagen schrieb er mehrere Briefe, meistens an Galeristen, Autoren und Künstler.

Ich hoffe dass ich euch diesen eigenartigen Maler etwas näher bringen konnte.

Ernst

Verwendete Quelle :
– Der Maler Gaston Chaissac. Kulturelle Monatsschrift DU, 31. Jahrgang, Oktober 1971.
Textautor : Peter Killer. Bilder eingescannt von EB.

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10 Antworten zu Montag, 29. Juni 2015

  1. Marianne schreibt:

    traurige bilder seiner wohl traurigen grundstimmung

  2. Arabella schreibt:

    Ich mag die Farben.
    Liebe Grüße zu dir.

  3. ernstblumenstein schreibt:

    ja sie sind toll abgestimmt, ich mag eben auch seine schwarzweissen…
    Wünsche dir einen glücklichen Sommer, liebe Grüsse 🙂 Ernst

  4. Margrit Kehl schreibt:

    Hallo Ernst

    Ich finde die Bilder haben etwas von Picasso und was mir auffällt
    fast alle Gesichter haben ein Lächeln und die Farbenzusammenstellungen
    sind Klasse , ich habe mir die farbenfrohen Werke nun alle angeschaut !
    Sein einzigartiger Stil gefällt mir sehr :-))
    Danke dir fürs zeigen hier ,man lernt nie aus !

    Liebi Grüessli us äned am Bärg
    Margrit

    • ernstblumenstein schreibt:

      vielen Dank Margrit für deine weiterführenden Gedanken. Du als Malerin bist ja prädestiniert, diesen „Aussenseiter“, der durch seine kindische Ausdrucksweise auffällt, zu empfinden. Er war genial. Mir gefallen auch die Totems, vor allem das mit dem Clown und der Leidenden.
      Hab eine gute Zeit und liebi Grüess über de Bärg Ernst

  5. finbarsgift schreibt:

    Feiner Kunsteintrag!

  6. minibares schreibt:

    Mal traurig, mal lebensfroh.
    Er hatte wohl seine Stimmungen, die er in seiner Kunst unterbrachte.
    Ein sehr interessanter Artikel, lieber Ernst.
    Viele Grüße Bärbel

  7. ernstblumenstein schreibt:

    er war wahrscheinlich sein ganzes kurzes Leben wegen seiner Kränklichkeit traurig, glaube ich. Mich lähmt die Hitze, ich bringe nichts Gutes zusammen.
    Ich wünsche dir und deinem Mann einen schönen Sonntag. Ernst

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