Reiseerinnerungen aus Indien. 1965. (7)


 

Varanasi (Benares) am Ganges. (7)
 

Im Bericht vom 12.4.2015 berichtete ich über die Zeit in New u. Old Delhi sowie über Agra. Heute schildere ich, wie ich mit Kumpel Jean die heilige Hindustadt Varanasi (Benares) erlebte.

Die Stadt im Bundesstaat Uttar Pradesh ist die heiligste Stätte des Hinduismus-Glaubens und eine der ältesten bewohnten Städte Indiens und der ganzen Welt.

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Sie zieht seit über 3’000 Jahren als Ort der Tempel und der Gebete unzählige Pilger aus Nah und Fern an.

Wegen ihrer religiösen Bedeutung leben in der Stadt seit jeher Hindus aus ganz Südasien. Volksgruppen wie Bengalen, Tamilen und Nepalesen haben eigene Wohnviertel.

Die Stadt beherbergt ca. 50’000 Brahmanen, Angehörige der obersten Priesterkaste.

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Sie arbeiten als Priester in Tempeln oder an einer der hundertstufigen Badetreppen (Ghats), die zum heiligen Fluss führen.

Sie versprechen den Pilgern durch das Aufsagen der heiligen Sprüche in der alten Sprache Sanskrit * Unterstützung bei der Suche nach Erlösung vom Kreislauf von Geburt und Wiedergeburt – ein recht einträgliches Geschäft!
 
Manikarnika Ghat Varanasi.

WMC. Urh. M M CH Nov. 2009 Manikarnika Ghat Varanasi_
Wikimedia Commons, Urh. M M CH. 2009.

Strenggläubige Hindus hegen den Wunsch, hier zu sterben – und ihre Asche im Fluss verstreut zu wissen. Den meisten Pilgern bleibt dies vergönnt, weil ihre Angehörigen es sich schlicht nicht leisten können.

Erstrebenswert für die Gläubigen ist es, einmal im Leben an einem Ghat in Varanasi im Ganges zu baden. Munshi-Ghat.

WMC Eig.Werk. Urh. Marcin Bialek. Munshi.Ghat Varanasi
Foto WMC. Eig.Werk. Urh. Marcin Bialek.

Das Bad soll sie von Sünden und Unreinheiten befreien. Auch wird vermutet, dass die Pilger  dadurch physisch, mental und spirituell gereinigt werden.

Auch die Rituale bei der Bestattung unterscheiden sich je nach Kaste, Status und Region. So sollen Bettelmönche, Leprakranke und Kinder unter 5 Jahren nicht verbrannt, sondern in den Ganges gesenkt werden. 

Indien 65 Benares Ganges IMG-0246 - Kopie

Kaum erreichen wir die Stadt, suchen wir mit Hilfe von Passanten den Weg zu einem Sikhtempel. Ein Mann bejaht unsere Frage nach einem Platz für zwei Nächte und heißt uns willkommen.

Wir deponieren unsere Bagage und breiten die Schlafsäcke auf einer dünnen Reismatte am Boden aus. Eine Bleibe mit Verpflegung ist uns gewiss. Dafür sind wir den Sikh’s dankbar.

Indien Varanasi 65  IMG-0243 - Kopie 

Obwohl Varanasi als die spirituellste Stadt Indiens bezeichnet wird, ist unser erster Eindruck sehr enttäuschend.

Ein Wirrwarr an Menschen, Bettlern, Sadhus, Rikschas-Läufern und Fahrern herrscht auf den Strassen. Fliegende Händlern, die wie Fliegen auftauchen und – bevor man sie wegklatscht, schon wieder weg sind.

Varanasi 1965 Benares am Ganges IMG-0249 (2)

Im Touristenbüro erfahren wir, dass es möglich ist, am Fluss einen Fischer mit seinem Boot zu mieten, der uns für ein  Entgelt auf den Ganges fährt.

Anschließend gehen wir durch die Stadt und suchen den Weg  zu einem Ghat, an dem wir am nächsten Morgen einen Fischer treffen wollen.

Indien Benares Bettler an der Hauptstrasse IMG-0245 - Kopie

Der Gang hinunter zum Fluss ist für uns ein Spießruten laufen sondergleichen. Vorbei an unzähligen Bettlern und Sadhus, die links und rechts den Weg säumen.

An einem Kiosk wechseln wir einen Geldschein, damit wir den ärmsten der Armen Geldstücke geben können.

Indien Varanasi Street Side 65 IMG-0244 - Kopie

Dabei schäme ich mich, weil ich als Europäer so privilegiert bin und die Menschen sehe, wie sie hier in unvorstellbarer Armut leben. Es macht mich total hilflos. 

Morgen werden wir früh aufbrechen, um vor Sonnenaufgang im Fischerboot auf dem Ganges die Pilgerszene beobachten zu können.

Indien Benares Väranasi Totenverbrennung  Orig.

Wie geplant sind wir vor 05.00 Uhr am Ganges und  verhandeln mit einem Fischer über den Preis, den er für den Ausfall des Fischfangs  an diesem Morgen braucht.

Bald werden wir einig und steigen in den Nachen ein. Es geht hinaus auf den Strom. Die Sonne steigt über der Stadt, Pilger wenden sich der Sonne zu und beten.

Varanasi Blick vom Ganges aus PICT0068 - Kopie (2)

Es eine eigenartige, mystische Stimmung befällt uns. Es herrscht ein Kommen und Gehen, Gläubige steigen hinab zum Fluss, waschen sich, baden oder tauchen ganz einfach kurz ins dreckige Wasser des Ganges ein.

Viele Pilger haben eine Flasche dabei, die sie mit heiligen Gangeswasser füllen und nach Hause mitnehmen.

z Indien 65 Benares am Ganges IMG-0248 - Kopie

Unmittelbar neben den Badenden brennen bereits erste  Holzstöße, auf denen Tote verbrannt werden.

Wo auf der Welt ist es möglich, dass man Leben und Tod zusammen auf engstem Platz sehen und erleben kann.

Für die Oberschicht gibt es in sich abgeschlossene Frauenbäder.

a Varanasi Benares Abt. Frauenbad Ganges 65 IMG-0247 - Kopie (2)

An diesem Morgen merken wir auf dem Boot, dass nicht die Tempel oder Bauwerke die Attraktion dieser Stadt sind.

Nein, es sind einzig und allein all die religiösen Handlungen durch Brahmanen  und der Pilger an den Ufertreppen und im Fluss, die diesen speziellen Spirit von Varanasi ausmachen.

Dies wird uns erst jetzt so richtig bewusst, weil wir die Szenen vom Ganges aus beobachten können.

z Varanasi 65 Benares, Waschen am Ganges IMG-0251

Das Wasser des Ganges ist sehr schmutzig, weil u.a. für zivile  und industrielle Abwässer die Kläranlagen fehlen. Neben speziellen Flussbestattungen werden auch Kadaver von heiligen Kühen dem Fluss übergeben. 

Varanasi 1965 Waschen am Ganges Benares IMG-0250 (2)

Allein in Varanasi werden heute noch jährlich 40‘000 Kremationen durchgeführt, wobei die Asche danach in den Fluss gestreut wird.

Der Ganges (Hindi Ganga) ist mit seinen ca. 2’600 Km Länge der grösste und wichtigste Fluss Indiens und entspringt mit seinen 2 Quellflüssen im Himalaya-Gebirge Nepals.

Er durchfließt eines der am dichtesten bevölkerten Gebiete der Erde und ist die Lebensader für einen Siebtel der Weltbevölkerung.  

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Foto Wikimedia Commons, eig. Werk. Urh. Pfly

Die Göttin Ganga ist eine wichtige Figur in der hinduistischen Tradition. Sie wird als Göttin der Fruchtbarkeit verstanden und ist auch für Wohlstand, Erlösung, Gesundheit und Überfluss verantwortlich. Der Ganges ist ihre Personifizierung.

Er spielt in Indien eine wichtige Rolle für sehr viele Menschen, da er ihnen eine Existenzgrundlage zum leben gibt. Ganga aus Terracotta, Nationalmuseum Delhi. Um 550.

Göttin Ganga, Urh. miya.m National.Museumum 550
Wikimedia Commons, Urh. miya.

Es soll Wallfahrer geben, die von einer Quelle im Himalaya bis zur Mündung im Golf von Bengalen und zurück pilgern.

Das heilige Wasser fehlt praktisch in keinem Haushalt und wird von der Geburt bis zum Tod für verschiedenste Situationen und Rituale benötigt. Als Weihwasser ist es im Gottesdienst unerlässlich. 

Badende im Ganges

Allerdings ist die Verschmutzung schon in Varanasi durch industrielle und private Abwässer, Schadstoffe sowie  tausenden von toten Rindern, die aufgrund ihres Heiligtums in den Fluss geworfen werden, enorm. 

Pilgerinnen erwarten im Ganges.

Pilgerinnen im Ganges erwarten die Sonne

Die Eindrücke über diese Kultur mit Leben und Tod auf engstem Raum sowie die grosse Armut brachten meine Balance etwas durcheinander und irgendwie hatte ich plötzlich genug von Indien gesehen.

Auch nahm die Hitze Ende Februar schon so stark zu, dass wir beschlossen, direkt in den Nepal nach Kathmandu zu reisen. Von dort werde ich das nächste Mal berichten.

Der Spirit of Varanasi bleibt mir trotzdem als eindrückliches Erlebnis in Erinnerung bleiben. Ich wünsche eine frohe Zeit.  Ernst

* Sanskrit bezeichnet die versch. Varietäten des Alt-Indischen. Die älteste Form ist
   die Sprache der Veden
, einer Sammlung religiöser mündlicher Überlieferungen im
   Hinduismus.
Unter anderem verwendete Quellen :
– Diverse Quellen im Internet.
Eine besondere Mensch-Umwelt-Beziehung
   – http://www.rajasthan-indien-reise.de/indien/ziele/heilige-varanasi.html

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37 Antworten zu Reiseerinnerungen aus Indien. 1965. (7)

  1. Mona D. schreibt:

    Dein Bericht war für mich hochinteressant, Dein Schreibstil gefällt mir sehr.
    Schockierend für mich, diese Armut. Diese Unwissenheit, die den Umgang mit dem verschmutzten Wasser zulässt, erschreckend!
    Deine Erlebnisse sind jetzt 50 Jahre her, aber es wird sich dort immer noch nicht viel geändert haben, obwohl heute aus diesem Land auch sehr viel Computerspezialisten kommen.
    Dies Gegensätze sind kaum zu verstehen.
    Herzlich grüßt Mona

    • ernstblumenstein schreibt:

      Liebe Mona, herzlichen Dank für deine Zeilen, die mich freuen. Ich brauchte einige Zeit, bis es klick machte, woher ich dich kenne.
      Ja Indien ist ein riesengrosses Land, das für uns immer noch unvorstellbare Gegensätze aufweist. Aber sicher hat sich in all diesen Jahren für viele Leute einiges an Lebensqualität verbessert. Ich wünsche dir eine gute und frohe Zeit.
      ❤ Gruss Ernst

  2. ute42 schreibt:

    Interessant wie immer ist dein Bericht, lieber Ernst. Für mich wäre das allerdings nichts. Ich glaube, ich hätte Angst, krank zu werden.

  3. Anna-Lena schreibt:

    Ich staune immer wieder, wo du schon überall warst und danke dir immer wieder fürs Mitnehmen, lieber Ernst 🙂 .
    Liebe Sonntagsgrüße
    Anna-Lena

  4. restlessjo schreibt:

    An amazing place, Ernst! Guten tag 🙂

  5. ernstblumenstein schreibt:

    Thank you, dir einen frohe Zeit 🙂

  6. Träumerle Kerstin schreibt:

    Lieber Ernst. Ich gehe immer wieder gern mit Dir auf Reisen – virtuell, aus Deinen Erinnerungen heraus geschrieben. Und auch mich bedrückt es immer wieder, wie arm doch manche Länder sind und wir im Luxus schwelgen (habe ich glaub ich schon mal so ähnlich geschrieben). Ich schäme mich dann auch immer für meinen Wohlstand und möchte am liebsten allen armen Menschen Geld geben.
    Liebe Abendgrüße von Kerstin.

  7. Waldameise schreibt:

    Schon wieder so ein faszinierender Reisebericht von dir, lieber Ernst. Mir gefällt die Sorgfalt, mit der du solche Einträge schreibst, und die Freude über diese Erinnerungen, die man darin spürt.

    Wow, 50 Jahre ist das schon her, und so Vieles hat sich seither noch immer nicht verändert, gell?
    Das liegt wohl auch daran, weil sich der Mensch nicht ändert und es wohl immer zuviele Mächtige gibt, die die Fäden in der Hand haben.

    Ein lieber Gruß zu dir,
    Andrea

    • ernstblumenstein schreibt:

      dein Besuch freut mich sehr Andrea. Du sagst es, die Mächtigen bestimmen leider den Lauf der Welt und das Chaos nimmt leider wieder zu.
      Ich hoffe, es geht dir gut. Ich sende dir einen lieben Gruss in den Abend. Ernst

  8. giselzitrone schreibt:

    Sehr schöne Fotos und guter Beitrag wünsche noch einen schönen Tag lieber Gruß Gislinde

  9. kowkla123 schreibt:

    hätte ich auch mal gerne erlebt, wünsche dir einen guten Tag

  10. Beate NR schreibt:

    hallo Ernst, bin sehr fasziniert von Deinen geschichten, weil mir Indien sehr nah ist. und auch afrika – bin schon gespannt, hier zu stöbern. Viele Grüße zwischen den Welten
    Beate

  11. ernstblumenstein schreibt:

    herzlichen Dank Gislinde für deinen Besuch. Ich wünsche dir alles, alles Gute.
    Einen lieben Gruss in den Abend. Ernst

  12. ernstblumenstein schreibt:

    vielen Dank Dina für deinen Besuch, der mich freut. Einen lieben Gruss an euch Vier in Norfolk. Ernst

  13. minibares schreibt:

    Lieber Ernst, wieder so ein toller Bericht.
    Aber dass da Lepra-Kranke, Kinder und Rinder in den Ganges gelassen werden. Das Wasser soll heilig sein?
    Das ist ja so krank, dass es gefährlich ist, nur einen Tropfen davon zu trinken.
    Danke, dass ich dich begleiten durfte
    Nach Kathmandu wollte ich mal mit meiner Tochter, leider wurde die Reise nichts.
    Bärbel

  14. giselzitrone schreibt:

    Danke für die lieben Wünsche ich wünsche dir einen schönen Donnerstag lieber Gruß Gislinde

  15. kowkla123 schreibt:

    ich grüße dich

  16. cindy knoke schreibt:

    Faszinierend Ernst!

  17. ernstblumenstein schreibt:

    Herzlichen Dank Cindy…

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