“Ein Mensch ist vergessen, wenn sein Name vergessen ist”. Dieser Leitsatz stand am Anfang eines Projektes…


 

Auf einem Stadtbummel in Freiburg habe ich auf einem Trottoir einen viereckigen, auffällig glänzenden Stein mit einer Inschrift entdeckt.

Meine Begleiterin erklärte mir, dass es ein Stolperstein ist, der als Erinnerung vor dem letzten Wohnhaus eines amtlich bestätigten Naziopfers aufs Trottoir verlegt wurde.

Einerseits beeindruckte mich diese Idee, dass auf diese Weise künftige Generationen über die Nazi-Gräueltaten informiert werden; andererseits bedrückten mich die damit verbundenen unsäglichen menschlichen Schicksale.
 

Freiburg i.Breisgau 27.8.14 043 (2)

Inschrift :

Hier wohnte
JESSY MAYER
Jg. 1894
Flucht 1938 Belgien
5.4.1939
Flucht in den
Tod.

Der Kölner Künstler Gunter Demnig gründete vor 24 Jahren dieses Kunstprojekt, mit dem er an die Vertreibung und Vernichtung der Juden, der Zigeuner, Zeugen Jehovas sowie der Euthanasieopfer während des Nationalsozialismus erinnern will.

Der 1. Stolperstein wurde vor dem Kölner Rathaus gesetzt und enthielt den Deportationsbefehl von Heinrich Himmler.

Köln-Stolpersteiin-Rathaus.WMC Eig.Werk Author Horsch Willy
WMC. Eig. Werk. Author Horsch Willy.

Demnig und seine Helfer haben bis 2015 in 20 Ländern mehr als 50’000 Steine gesetzt. Sein Kunstprojekt ist das größte dezentrale Mahnmal der Welt.

Diese Art der Erinnerung wird aber auch kritisch beurteilt und nicht überall goutiert. Die Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde München etwa findet die Steine aus diversen Gründen entwürdigend.

Nicht zuletzt deshalb entschied die Stadt letztes Jahr, dass die Stolpersteine auf öffentlichem Grund auch in Zukunft verboten bleiben.

csm_12_gunter_deminig_verlegung_1_7113ae40a3

Ich persönlich finde, die Steine sollen nicht unsere Füße stolpern lassen; sie sollen unseren Kopf wach rütteln! 

Ich mache diesen Bericht, weil in der Schweiz Stolpersteine weitgehend unbekannt sind, obwohl auch hier unrühmliche Geschehnisse in der damaligen Zeit vorkamen.

Die Gräueltaten der Nazis waren dem Bundesrat längst bekannt, dennoch beteiligte sich unser Land 1938 an der  menschenverachtenden Kennzeichnung der Pässe deutscher Juden mit der ’ J ‘- Stempel. 

start_logo_stolpersteine

Im August 1942 schloss die Schweiz die Grenze für Flüchtlinge nur “aus Rasse-Gründen”, wohlwissend, dass den abgewiesenen jüdischen Flüchtlingen die Deportation und damit der Tod drohte.

Ich glaube, dass unsere wirtschaftliche Kollaboration mit Nazi-Deutschland in Form von Dienstleistungen, Krediten, Finanzierungen strategischer Rohstoffe und Exporten (Rüstungsgüter) sicher ein wichtiger Grund war, dass wir vom Krieg verschont blieben.

Doch bleibt für mich persönlich ein bitterer Nachgeschmack zurück.

Konstanz. Eig.Werk. Author stolpersteine-konstanz.de. Wilhelm-kleissle
WMC.Eig.Werk.Author stolpersteine-konstanz.de


In der Schweiz

wurden die ersten zwei Stolpersteine erst 2013 in Kreuzlingen vor den Wohnhäusern von Andreas Fleig und Ernst Bärtschi * verlegt.

Beide wurden wegen ihrer mutigen Tätigkeit als Fluchthelfer 1938 in Deutschland von der Gestapo verhaftet und mussten viele Jahre in Gefängnissen und KZ-Lagern verbringen.

Ernst

 

Für Interessierte:
* Der Link zum Fluchthelfer Ernst Bärtschi:
  http://www.stolpersteine-konstanz.de/index.html?baertschi_ernst.htm

– Stolpersteine werden auch in Zukunft gesetzt. Der Link:
   http://www.stolpersteine.eu/aktuell/

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29 Antworten zu “Ein Mensch ist vergessen, wenn sein Name vergessen ist”. Dieser Leitsatz stand am Anfang eines Projektes…

  1. Anna-Lena schreibt:

    Ich habe miterweile in Berlin und in der Stadt meines Brötchengebers viele Stolpersteine entdeckt und ich finde dieses Projekt sehr gut. Mir selbst geht es immer wieder so, dass ich anhalte, mir die in den Boden eingelassenen Gedenktafeln genau ansehe und an die Menschen denke, die dort gewohnt haben.
    Und genau dort sollten sie auch bleiben, als Haltepunkt, zum Anhalten und Nachdenken.
    Würde man sie an die Hauserwände anbringen, könnte man sie in der Flut der anderen Schilder und Hinweise leicht übersehen.

    Mit lieben Grüßen
    Anna-Lena

  2. Arabella schreibt:

    Es ist wichtig daran zu erinnern, gerade in diesen Zeiten.
    Danke und einen lieben Sonntagsgruß

    • ernstblumenstein schreibt:

      Ich hoffe nicht, dass sich ähnliches wiederholt. Wenn ich jedoch an die Verhaftungen von Richtern, Staatsanwälten, Soldaten und Offizieren in der Türkei denke, ahnt mir Schlimmes. Einen lieben Gruss nach Sachsen. Ernst

  3. Blumentorte schreibt:

    Interessante Fakten, die Du hier versammelst, u.a. zur Geschichte der Schweiz. Mit einer wichtigen Aktion: Ich mag die Stolpersteine im Asphalt, z. B. in Berlin. Man hält tatsächlich inne.

  4. ladyfromhamburg schreibt:

    Auch bei uns in Hamburg werden seit langen Jahren diese Stolpersteine zum Gedenken an die Opfer in den Boden eingelassen. Und zur Mahnung. Ernst, auch hier gibt es gelegentlich unterschiedliche Auffassungen darüber Ich empfand als in der Erinnerungs- und Mahnfunktion immer als wichtig und nötig, doch wenn es jemand das Hinterlassen des Schicksals als kurze Notiz auf einem Stein in einer Weise als entwürdigend empfindet, dann llässt sich dieses Gefühl auch nicht einfach wegreden (nur weil man es nicht so empfindet).
    Dieses weitere Verlegen der Steine erhöht die Chance, dass jeder irgendwann irgendwo darüber „stolpert“. Und das ist in heutigen Zeiten nötiger denn je!

    LG Michèle

    • ernstblumenstein schreibt:

      Ich bin d’accord mit dir, Michèle. Ich finde das dezentrale Konzept des Projektes ebenfalls sehr gelungen. So wie ich es mitbekommen habe, werden nur Steine für amtlich bestätigte Opfer gesetzt. Ich nehme auch an, dass allfällige Angehörige vorher kontaktiert werden und ohne ihr Einverständnis keine Stolpersteine verlegt werden.
      Wenn ich an die vielen verhafteten Staatsanwälte, Richter, Offiziere und Soldaten denke, die jetzt in der Türkei verhaftet wurden, dann ahne ich Schlimmes. Und das im 21. Jh.!
      Einen lieben Gruss nach Hamburg. Ernst

  5. mmandarin schreibt:

    Ja lieber Ernst. Die Stolpersteine begegnen mir hier in Köln häufig und ich bleibe stehen und lese die Namen und Geschichten über Geschichten drängen sich auf. Ich weiß, dass sie umstritten sind, aber bei mir verfehlen sie die Wirkung nicht. Ich schicke den Opfern immer einen stillen Gruß Marie

    • ernstblumenstein schreibt:

      Ich glaube, dass die meisten Menschen empfinden wie Du!. Es befremdet mich einfach sehr, dass bei uns bis heute nicht mehr Stolpersteine gesetzt werden. Ich glaube wir haben in der Schweiz auch Opfer aus dieser Zeit, um an sie mit Mahnmalen dieser Art zu erinnern. Grüess uf Köln. Ernst

  6. kowkla123 schreibt:

    man darf es nicht vergessen, für dich eine gute Woche

  7. ernstblumenstein schreibt:

    wünsch ich dir auch 🙂

  8. Silberdistel schreibt:

    Ich habe solche Stolpersteine das erste Mal in einem Urlaub in der Pfalz gesehen. Für mich war es damals ein Moment des Innehaltens und Nachdenkens. Mich haben diese Steine tief berührt und ich fand die Idee der Steine an sich sehr gut. Aber sicher sehen das Betroffene und eher „Außenstehende“ doch aus einer anderen Perspektive.
    Liebe Grüße an Dich von der Silberdistel

    • ernstblumenstein schreibt:

      Ich finde das Projekt auch sehr gut, auch wenn es nicht überall goutiert wird. Ich glaube und hoffe, dass die Menschen diese schreckliche Zeit nie vergessen. Gruss aus dem Hochsommer-Hitzeofen Schweiz. Ernst😉

  9. minibares schreibt:

    In meiner alten Heimat gab es auch Stolpersteine.
    Hier in der Neuen konnte ich keine entdecken.

  10. restlessjo schreibt:

    What a wonderful idea, Ernst! Wunderbar 🙂

  11. kowkla123 schreibt:

    Lieber Ernst, passe auf dich auf, es wird richtig heiß, also viel trinken, einen guten erholsamen Tag wünsche ich

  12. cindy knoke schreibt:

    I have been working with some adult children of survivors of the shoah recently and I have been reading and watching some videos. I found Goran Rosenberg’s, „A Brief Stop on The Road to Aushwitz,“ to be an incredible achievement in articulating the experience of the children of survivors. I can also recommend, „Second Generation,“ by Eleanor Sontag and „Motherland,“ by Rita Goldberg. There is also a video I just watched called „The Swimming Pool at Aushwitz.“ No matter how many years I spend visiting camps and Nazi strongholds, reading, talking with survivors and their children, I will never be able to get my mind around the holocaust. My therapist from long ago, during my training, danced ballet in Aushwistz which helped her to survive. No one can make sense of the continuing human capacity for barbarism and terror. I am afraid the world is being plunged back into more. I have seen the blocks all over Europe and they always make me cry.

  13. ernstblumenstein schreibt:

    Vielen Dank Cindy für deine weiterführenden Informationen. Meine Generation kennt die Geschichte über den 2. Weltkrieg und den Nationalsozialismus noch sehr gut. Hoffen wir, dass die nachfolgenden Generationen wach bleiben, umsomehr, weil die heutige Weltlage mit all den Kriegen und Flüchtlingsdramen und Ursachen keine friedliche Zeit erwarten lassen.

  14. kowkla123 schreibt:

    wünsche ein schönes Wochenende

  15. Elise schreibt:

    Hier in unsere stad lieber Ernst gibt , es traurig genug, ganse Strassen wo vor jeder Tur ein stolperstein liegt. Wir haben auch eine stolpersteine wanderung ..man erzahlt die geschichte dieser Viertel und herdenken die familien die nicht zuruck kehrten.So vergessen wir nicht und hoffen damit, dass so etwas niemahls mehr passiert Jeden falls nicht hier. Grusse dich

    • ernstblumenstein schreibt:

      Vielen Dank Elise für deine Zeilen, die mich ungemein freuen. Ja, ich habe bei meinen Recherchen auch bemerkt, dass auch Holland vom Holocaust stark betroffen ist. Ich sende dir und Rin herzliche Grüsse. Ernst

  16. Ich weiß nicht was die Jüdische Menschen-Rasse den anderen getan getan hat, denn ich sehe sehr oft hier in Berlin insbesondere im Wedding (ein Stadtteil) von Berlin, mit Absicht drauf herum treten auf den Steinen, oder auch auch schon gesehen, drauf urinieren und wenn du die Person ansprichst, werden sie auch noch gegen dich selbst gewalttätig. Menschen der Arabischen und Türkischen Herkunft. Der Jude muss sehr verhasst sein, woran liegt es, etwa daran dass Er schon in früheren Zeit, als er schon außerhalb seiner Heimat keinem Handwerklichen Beruf nachgehen durfte und dann den Beruf des Geld-Feilschers annahm und es dort einige gab denen er Geld gab mit zu hohen Zinsen es teilweise selbstverschuldete nicht mehr zurück zahlen konnten, aber es die Gerichtsbarkeit für den Juden eintrieb und so der schon seit tausenden Jahren der Hass wuchs. Ich finde immer noch, tue keinem das an, was man dir nicht antun sollte.

    LG. SAGAR

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